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  • Zwischen Literaturbetrieb und Forschung – Regionale Literaturarchive heute

    Progamm der Tagung aus Anlass des 10jährigen Bestehens des Westfälischen Literaturarchivs
    [21.03.2012]
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    [20.03.2012]
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    [20.03.2012]
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    [20.03.2012]
  • Walter Gödden: Die LWL-Literaturkommission für Westfalen – zum Profil einer wissenschaftlichen Institution zwischen Grundlagenforschung und populärer Vermittlung

    [10.03.2012]
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Jochen Grywatsch: Die Balance von Strategie und Zufall

Überlegungen zum Dokumentationsprofil des Westfälischen Literaturarchivs

4. Voraussetzungen und Ausgangsbedingungen

Im Folgenden werden als Bedingungsfaktoren der im Weiteren angestellten Überlegungen einige grundlegende gesellschaftlich-kulturelle Wandelprozesse unserer Gegenwart grob skizziert. Aktuelle Tendenzen der Umorientierung in Archiven sind maßgeblich durch diese Veränderungen beeinflusst.

4.1. Wechselwirkung von Literatur und Gesellschaft / Sozialgeschichte der Literatur
Die Hinwendung zu sozialhistorischen und soziologischen Fragestellungen seit den 1970er Jahren führte im literaturwissenschaftlichen Diskurs zu einer Verschiebung und Erweiterung des Interesses. Neben ästhetischen Spitzenleistungen rückten vermehrt Strukturen, Netzwerke und Systeme des gesamten literarischen Lebens in das Blickfeld. Das Verhältnis von Literatur und Gesellschaft und deren vielfältige Wechselwirkung bestimmten zunehmend das Forschungsinteresse. Die zeitgenössischen sozialen Verhältnisse und ihre Entwicklung wurden thematisch, gerade auch im Hinblick auf die Situation der Autorinnen und Autoren und das Kräftefeld der Entstehung, Verbreitung und Vermittlung von Literatur.

4.2. Die Aufwertung der Region als Kategorie
Das neue, kulturgeschichtlich und soziologisch orientierte Interesse an Literatur ist eng verbunden mit der Aufwertung und Bedeutungsstärkung der Region, die sich vor allem auch im Kontext der globalen geopolitischen Neuordnungsprozesse im ausgehenden 20. Jahrhundert ausprägte (Stichwort Globalisierung /Regionalisierung). Damit einher ging die Etablierung der regionalen Literaturforschung, die neben der ästhetisch anspruchsvollen „Höhenkamm-Literatur“ auch die vermeintlichen poetae minores zum Gegenstand der Forschungen machte.
Zentral zu nennen an dieser Stelle (auch über den westfälischen Bereich hinausweisend) sind die Forschungen der kürzlich verstorbenen Münchener Literaturwissenschaftlerin Renate von Heydebrand, die am Beispiel Westfalen die literaturgeschichtliche Aufwertung der Region mustergültig vorführte [10]. Auf einem sozialhistorischen Boden beobachtete sie in einem „überschaubaren Raum alle Erscheinungen des literarischen Lebens gleichermaßen“ und erforschte „ganz konkret der Zusammenhang von Literatur und Leben in allen Schichten und mit allen Funktionen“. Ein Verständnis von Literatur also nicht mehr „(nur) als Kunst“, sondern „als eine Form sozialen Handelns“, die auch unter ganz bestimmten regional-historischen Bedingungen ganz unterschiedlichen Wertvorstellungen und Handlungsnormen folgt und auf diese zurückwirkt. So entstand eine „Literaturgeschichte des kommunikativen Handelns“, in der über das „Literatursystem Provinz“, literarische Phänomene als Prozess innerhalb eines komplexen historischen Bezugsfeldes dargestellt und interpretiert werden. Dem Medium Literatur kommt dabei verstärkt die Funktion zu, gesellschaftliche und historische Zusammenhänge zu erschließen und zu perspektivieren.

4.3. Regionalliteratur als Literatur in der Region – Perspektive Raum
Diese Sichtweise und Interessenstruktur erhielt zuletzt im Zuge der kulturwissenschaftlichen Wende zum Raum (des „topographical turns“) zusätzliche Impulse. Während Prozesse der Globalisierung sowie die geopolitische Neuordnung des europäischen Kontinents die Bindungen zu einst dominanten Nationalstaaten relativieren, rücken Verhältnisse und Beziehungen in und zu unter-, aber auch neben-, zwischen- und übernationalen Regionen als identitätsvermittelnde Erfahrungswelten in zunehmendem Maße in das Blickfeld. Man kann davon sprechen, dass im Hinblick auf geopolitische und -kulturelle Orientierungen dem Prozess der Globalisierung eine Komplementärentwicklung zugeordnet ist, die kleinere, überschaubare und damit eher der Identifikation dienende Bezugsgrößen betont. Eine nachhaltige Tendenz zur Orientierung an subnationalen (kulturellen) Kontexten und Bezugsfeldern ist auch für den Bereich der Literatur zu konstatieren, wobei dies sowohl für die Produktionsseite als für den Bereich der wissenschaftlichen Forschung gilt. [11]
Die heutige, dem Regionalen verpflichtete Literaturforschung stellt die Vielschichtigkeit und das Zusammenwirken geographischer, sprachlicher und sozio-kultureller Faktoren im Bezug auf eine Region ins Zentrum ihres Interesses. Es geht darum, die Gesamtheit des in einem unter räumlich-regionalen Kontexten zu fassenden Literaturbetriebs in seiner historischen Spezifik und Dynamik zu untersuchen. Ein so abzusteckender Forschungsgegenstand ist treffend in der Bezeichnung ‚Literatur in der Region’ charakterisiert, der dem Begriff ‚Regionalliteratur’ vorzuziehen ist, wird damit doch weniger stark die Vorstellung einer regionalen Geschlossenheit mit aufgerufen. Entsprechend definiert die Literaturkommission für Westfalen ihren Forschungsgegenstand: „‚Literatur in einer Region’ [...] beschreibt die Komplexität des literarischen Geschehens in einem subnationalen und auch unterhalb bzw. jenseits der Verwaltungseinheit der Bundesländer räumlich bestimmbaren Gebiet zu einem gegebenen historischen Zeitpunkt“. [12]

4.4. Erinnerungsdiskurs / kollektives Gedächtnis
Als ein weiterer Bedingungsfaktor aktueller Umwertungsprozesse (auch im Archivsystem) ist weiter der Erinnerungsdiskurs, des kulturellen Gedächtnisses zu nennen, der insbesondere in den 1990er Jahren, ausgehend vor allem durch die Forschungen Aleida Assmanns, geführt wurde. „Kultur und damit auch Literatur brauchen die Vergegenwärtigung des Vergangenen als Grundlage dafür, dass eine Gesellschaft ständig in Beziehung zu ihrer Geschichte bleibt und sich gleichzeitig immer wieder über Werte, Zukunft, über Identität verständigen kann. Vergangenheit existiert aber nicht ‚per se‘, sondern wird konstruiert – gegenwärtig oder als Rekonstruktion des Vergangenen durch eine spätere Generation.“ [13] Die Frage, wie wir erinnern, ist also mindestens so virulent, wie die Frage, was wir erinnern. An diesem Prozess nimmt das Archiv entscheidenden Anteil – das Sammeln, Archivieren, Erschießen und Präsentieren gehört im Kern dazu. Die Aufmerksamkeit für Prozesse der Erinnerung wuchs zuletzt stark an auch aufgrund der Ergebnisse der stetig an öffentlicher Resonanz gewinnenden Neurowissenschaften.

4.5. Neue Medien – neue Überlieferungsträger
Mit den neuen Medien, und noch einmal verstärkt im Zuge der digitalen Revolution haben es Archive mit inhaltlich und strukturell stark veränderten Beständen zu tun. Nicht mehr allein Bücher, Manuskripte, Korrespondenzen – heute findet sich das ganze Spektrum der neuen Speichermedien im Bestandsangebot: CDs, Tonbänder, Cassetten, Filme, Fotos, das Ganze auch digital, in Form von kompletten Festplatten. Hinzu kommen Plakate, Flyer, Programmhefte, ja sogar Plattensammlungen, die reichhaltigen Fundus an Informationen bergen und als Überlieferungsträger relevant und hochinteressant sind.


4.6. Neue Vielfalt, neue Umfänge – Kapazitätsprobleme
Zuletzt sei in dieser Auflistung  auf das Phänomen der mit der digitalen Revolution und der Entwicklung des Internets greifbar werdenden Tendenz hin zu einer auf Vollständigkeit zielenden Archivierung hinzuweisen. „Die Epoche der herkömmlichen Archive geht zu Ende. Archivierung im herkömmlichen Stil wird von permanenter Übertragung abgelöst“, schreibt Thomas Degener. [14] Das Archiv Internet mag unendlich sein, die Archivbauten sind es definitiv nicht. Nicht nur die Überlieferungsflut in den heutigen Massenakten stellt ein erhebliches Problem dar. Um der Materialschwemme schon von einer pragmatischen Warte her begegnen zu können, werden Konzepte der Auswahl benötigt, ebenso wie Kriterien der sinnvollen Strukturierung und der Bewertung.

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