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Jochen Grywatsch: Die Balance von Strategie und Zufall

Überlegungen zum Dokumentationsprofil des Westfälischen Literaturarchivs

6. Schluss

Ziehen wir am Ende der Ausführungen Bilanz. Brauchen Literaturarchive von heute für ihre Überlieferungsbildung Dokumentationsprofile? Oder zwängen diese sie nicht viel zu sehr in ein ohnehin nie passendes Korsett, was der strukturlosen Reichhaltigkeit von Subjektivität und Individualismus im literarischen Feld nicht gerecht zu werden vermag? Ist es sinnvoll, diese Dokumentationsprofile zu entwickeln?

Hierzu von meiner Seite: ein klares Ja. Die Liste der Nutzen, die sich ergeben, ist lang und, so denke ich, überzeugend:
– Die Analyse des Geschehens des laufenden Literaturbetriebs wird verbessert und auf eine objektivere Basis gestellt.
– Die Überlieferungsbildung erfolgt stringenter und systematischer und nach nachvollziehbaren Vorgaben.
– Es entsteht Transparenz nach außen und nach innen, eine Transparenz der internen Arbeitsabläufe und der Außenwirkung des Archivs.
– Es ergeben sich Orientierungshilfen in der konkreten archivischen Arbeit;
bei Fragen der Bewertung (Vollarchivierung, Teilarchivierung, Kassation)
bei Fragen der Erschließung, der Erschließungstiefe
– Die Individualität des Archivars bleibt nicht mehr der einzige Maßstab.

– Eine Abgrenzung zu den Sammlungen anderer Archive ist leichter möglich
(Schärfung des eigenen Profils)
– Eine Verständigung bei der Absprache mit anderen Archiven wird erleichtert
(bei konkreten Übernahmeangeboten oder notwendigen Reaktionen)
– Die Gesprächs- und Verhandlungsposition im Austausch mit Autorinnen und Autoren wird klarer und überhaupt erst nachvollziehbar.
– Es ergibt sich ein hoffentlich fruchtbarer Ansatz für die Verbesserung des Austausches zwischen Archiv und Forschung. Hier liegt ja doch vieles im Argen, denn die Forschung beruft sich nur sehr begrenzt auf die Archive.
– Der notwendige Prozess der laufenden Überprüfung, Aktualisierung und Verbesserung der Dokumentationsprofile kann idealerweise im Austausch mit der Wissenschaft geschehen.
– Entschärft wird, dies sei angefügt, eine der Aporien des Archivs, nämlich die der nach meiner Meinung unmöglichen Antizipation von zukünftigen Quellenwert, zukünftigem Forschungsinteresse, die vom Archivar aber immer wieder erwartet wird. Dieser muss nun nicht mehr positiv erklären, warum er sich so oder so entschieden hat, sondern er muss schauen, ob er mit seiner Entscheidung dem Dokumentationsprofil entspricht, für das er in der Regel nicht allein verantwortlich zeichnet.

Vieles spricht also für die Erstellung von Dokumentationsprofilen in unseren Archiven. Nicht alle Probleme werden damit gelöst. So ist der lebendige Augenblick der Manifestation von Literatur, der Moment der Performance, der Lesung, des Auftritts also, nicht und schon gar nicht flächendeckend archivierbar, selbst nicht mit den schier unbegrenzten Mitteln des Internets. Halten wir das aus und freuen uns auf solche Momente bei der heutigen Abendveranstaltung. Wir werden die Lesung in der Reihe TatWort – Poetry Club im Cuba Nova nicht aufzeichnen, aber vielleicht ist ja jemand im Publikum, der mit seiner Kamera einen Mitschnitt macht. Und dieser taucht dann irgendwann in einem Nachlassbestand oder auf einer Internetseite auf. Womit wir einen Bogen geschlagen haben zu unseren Ausgangsbemerkungen, der Macht des Zufalls.


Anmerkungen:

[1] Joseph A. Kruse: Woher und wohin. Nachlaßsammlungen nach dem Zufallsprinzip? In: Literaturarchive und Literaturmuseen der Zukunft. Bestandsaufnahme und Perspektiven. Hg. von Angelika Busch und Hans-Peter Burmeister. Loccum 1999 (=Loccumer Protokolle 18/99), S. 49-62.

[2] Wolfgang Ernst: Das Rumoren der Archive. Ordnung aus Unordnung. Berlin: Merve 2002, S. 17.

[3] Thomas Degener: Speicher der kulturellen Erinnerung oder Motor kulturellen Wandels? Überlegungen zum Stellenwert des Archivs im kulturwissenschaftlichen Diskurs. In: Sichtungen: Archiv – Bibliothek – Literaturwissenschaft (Wien) 3 (2000), S. 73-89; hier S. 73.

[4] Vgl. Max Plassmann: Dokumentationsziele als Grundlage der Arbeit von Universitätsarchiven: Bewertung, Erschließung, Bestandserhaltung. In: Dokumentationsziele und Aspekte der Bewertung in Hochschularchiven und Archiven wissenschaftlicher Institutionen. Universitätsreden Nr. 73, S. 33-45; hier S. 73.

[5] Vgl. Reinhard Kluge: Das Dokumentationsprofil. Schlüssel zur positiven Auswahl von Dokumenten als Archivgut. In: Archivmitteilungen. Zeitschrift für Archiv und Praxis des Archivwesens 3 (1979), S. 98-101.

[6] Vgl. Hans Booms: Gesellschaftsordnung und Überlieferungsbildung. Zur Problematik archivalischer Quellenbewertung. In: Archivalische Zeitschrift 68 (1972) S. 3-40.

[7] Arbeitshilfe "Erstellung eines Dokumentationsprofils für Kommunalarchive" – Beschluss der BKK vom 2008-09-15/16 Billigung durch den Kulturausschuss des Deutschen Städtetags am 2009-04-23/24, In: Der Archivar 62 (2009), S. 122-132.

[8] Dokumentationsprofil für Archive wissenschaftlicher Hochschulen. Eine Handreichung von Thomas Becker (Bonn), Werner Moritz (Heidelberg), Wolfgang Müller (Saarbrücken, Klaus Nippert (Karlsruhe) und Max Plassmann (Düsseldorf), Universität des Saarlandes, Universitätsarchiv.

[9] Dokumentationsprofile kultureller Überlieferungen. Tagung des Rheinischen Literaturarchivs und des Westfälischen Literaturarchivs, Düsseldorf, 30.6., 1.7. 2011; dokumentiert in www.literatur-archiv-nrw.de.

[10] Renate von Heydebrand: Literatur in der Provinz Westfalen 1815-1945. Ein literaturhistorischer Modell-Entwurf. Münster 1983.

[11] Jochen Grywatsch: Literatur in der Region und Raumbegriff. In: Kulturelle Überlieferung. Bürgertum, Literatur und Vereinswesen im Rheinland 1830-1945. Hg. von Cornelia Ilbrig, Bernd Kortländer und Enno Stahl. Düsseldorf 2008, S. 84-95.


[12] Martina Wagner-Egelhaaf: Regionalliteraturforschung heute!?, in: Dies. (Hg.): Region – Literatur – Kultur. Regionalliteraturforschung heute. Bielefeld 2001, S. 9.

[13] Bodo Plachta: Literaturbetrieb. Paderborn 2008, S. 116.

[14] Thomas Degener: Das Archiv als Medium – die Medien als Archiv? Metamorphosen des Erinnerns, Wandlungen des Archivs. In: Sichtungen: Archiv – Bibliothek – Literaturwissenschaft (Wien) 6/7 (2005), S. 55-67; hier S. 59.

[15] Irmgard Christa Becker: Arbeitshilfe zur Erstellung eines Dokumentationsprofils für Kommunalarchive. Einführung in das Konzept der BKK zur Überlieferungsbildung und Textabdruck. In: Archivar 62 (2/2009), S. 122-131.

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