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Stephanie Jordans: Der Nachlass Ernst Meisters und das Konzept der textkritischen und kommentierten Ausgabe seines lyrischen Werkes [1]

Im Kommentarteil bietet die Ausgabe zu den einzelnen Gedichtbänden übersichtliche Einleitungen mit Darstellungen zur Entstehungs-, Publikations- und Wirkungsgeschichte, Hinweise auf konzeptionelle und poetologische Zusammenhänge sowie Übersichten über die archivarische Situation. Der lemmatisierte Stellenkommentar löst vor allem intertextuelle und biographische Bezüge auf und gibt ohne Anspruch auf Vollständigkeit Hinweise auf Forschungsliteratur.

Die Kommentierung der Gedichte Meisters beruht auf dem Textverständnis, das jeder der Bearbeiter durch eigenes intensives Studium der Materialien, der Textgenese, der Inter- und Kontexte zu erwerben hatte. Die notwendig individuellen Anteile an diesem Verstehensprozess konnten und sollten aus den Darstellungen zur Einführung eines Gedichtbandes und aus den lemmatisierten Kommentaren nicht eliminiert, die unterschiedlichen Akzentuierungen in der Lektüre der Gedichte nicht nivelliert werden. Ohnehin versteht sich der Kommentar als Angebot an den Leser und nicht als Reglementierung der Rezeption. Meisters Gedichte sind (wie diejenigen Paul Celans) von zeitgenössischen Kritikern als ›hermetisch‹ bezeichnet worden. Die Kommentare können an zahlreichen Stellen zeigen, wie berechtigt die Zurückweisung dieses Etiketts durch den Autor gewesen ist. Auf der anderen Seite weist der Kommentar auch an solchen Stellen Lücken auf, wo sich selbst der mit Meister vertraute Leser eine Verständnishilfe gewünscht hätte; es bleiben also durchaus für die künftige Forschung noch Fragen offen. Die unterschiedliche Dichte der Erläuterungen lässt, den bisherigen Stand der Forschung spiegelnd, Desiderate umso deutlicher hervortreten. An einigen (wenigen) Stellen sind solche Lücken diskrete Aussparungen von biographischen Zusammenhängen, deren Offenlegung Persönlichkeitsrechte verletzt haben würde. Korrespondenzen und persönliche Aufzeichnungen verraten zuweilen mehr, als in einem Kommentar zu publizieren legitim oder opportun ist. Eine dramatische Verschiebung im Verständnis der Gedichte ist jedoch durch die intimere Kenntnis biographischer Details nicht oder nur punktuell zu erwarten.

Um zu dokumentieren, aus welchem Quellenfundus die Bandbearbeiter geschöpft haben, welche Materialien zu berücksichtigen waren, um etwa im Kommentar Werkzusammenhänge darstellen zu können, wird im Folgenden ein kurzer, grober Überblick über den Meister-Nachlass gegeben.[11] Die Vernetzung motivischer, gedanklicher und konzeptueller Zusammenhänge zwischen den einzelnen Werkgruppen und Gattungen dürfte noch wesentlich deutlicher hervortreten, wenn auch die anderen Teile des Werks einmal wissenschaftlich ediert und kommentiert vorliegen werden, etwa die Nachlass-Lyrik, Prosa, Hörspiele, Theaterstücke und Korrespondenz.

Die Nachlass-Ordnung, so wie sie sich dem Benutzer im Westfälischen Literaturarchiv in Münster präsentiert, ist das Resultat eines langen und aufwendigen Sichtungs- und Lektüreprozesses, bei dem die Entzifferung der zum Teil extrem schwer lesbaren Handschrift Ernst Meisters viel Zeit in Anspruch genommen hat. Die einzelnen Blätter mussten entsprechend ihrer systematischen Zuordnung sigliert in Mappen zusammengefasst und in dieser Form in einem Findbuch katalogisiert werden.

Ein 1991 erworbener erster Teil des Bestands hat einen Umfang von ca. 25.000 Blatt; ein 2001 hinzugekommener zweiter Teil dürfte einen Umfang von ca. 15.000 Blatt haben. Der gesamte schriftliche Nachlass umfasst also ungefähr 40.000 Blatt. Berücksichtigt man, dass viele Blätter beidseitig beschrieben sind – in den Werkbüchern und Arbeitsheften ist das die Regel –, so ergibt sich eine Größenordnung von ungefähr 60.000 Seiten.

Seit Juni 2000 wurde an der Sichtung, Entzifferung, endgültigen Ordnung und Siglierung der Materialien gearbeitet. Der geordnete und erschlossene Bestand wurde dem LWL-Archivamt sukzessive übergeben; er steht im Westfälischen Literaturarchiv der Forschung und dem interessierten Benutzer zur Verfügung.
Parallel zu diesen Arbeiten wurde die Korrespondenz, soweit sie sich im Nachlass befindet, systematisch ausgewertet und in Form von Regesten dokumentiert und die Bibliothek in einem Bestandsverzeichnis erfasst, das auch die zahlreichen Marginalien und Gedichtentwürfe berücksichtigt bzw. die Frage beantwortet, ob Gedichtentwürfe im jeweiligen Buchtitel enthalten sind und wie hoch der Bearbeitungsgrad von Meisters Hand einzuschätzen ist.
Die Ordnung des Nachlasses erfolgte nach den Prinzipien des ›Memorandums für die Ordnung und Katalogisierung von Nachlässen und Autographen im Deutschen Literaturarchiv Marbach am Neckar‹. Angewandt auf die Spezifika des Ernst Meister-Nachlasses ergibt sich eine Anordnung in drei große Abteilungen, deren wichtigste erste Abteilung noch einmal nach Gattungen unterteilt wurde: Lyrik,  Hörspiele, Theaterstücke, Erzählende Prosa, Essay, Werkbücher und Arbeitshefte, Tagebücher und persönliche Aufzeichnungen, Studienaufzeichnungen, Verschiedenes. Die zweite Abteilung umfasst die sehr umfangreiche Korrespondenz; die dritte Abteilung dokumentarisches Material wie z.B. persönliche Dokumente, d.h. Ausweise, Zeugnisse, Urkunden, Bescheinigungen, Studienbücher, Soldbücher etc., eine umfangreiche Sammlung von Rezensionen und Zeitungsausschnitten, die die Basis für rezeptionsgeschichtliche Forschungen bildet, sowie Manuskripte anderer, Briefe anderer und Dokumente zu anderen und über andere.

Zweifellos kommt der lyrischen Produktion im literarischen Gesamtœuvre Ernst Meisters die größte Bedeutung zu. Die Materialien zur Lyrik umfassen knapp 11.800 Seiten. Davon entfällt das meiste auf die zu Lebzeiten veröffentlichten Lyrikbände. Knapp 300 Seiten entfallen auf Manuskripte und Typoskripte zu verstreut publizierten Gedichten zu Lebzeiten und ca. 3.800 Seiten auf zu Lebzeiten unveröffentlichte Einzelgedichte und Gedicht¬-Entwürfe.
Die Gesamtzahl von knapp 11.800 Seiten täuscht in diesem Fall, da es Redundanzen gibt: z.B. spätere, nach Drucken angefertigte Abschriften, Typoskripte mit mehreren Durchschlägen ohne jede Spur weiterer Bearbeitung, Fotokopien bereits vorhandener Abschriften, die mutmaßlich erst posthum gemacht worden sind.  

Andererseits findet sich sehr vieles, was editorisch umso reizvoller und diffiziler ist: z.B. Blätter, auf denen sich um ein Gedichttyposkript recto mannigfache weitere handschriftliche Entwürfe ranken, oftmals verso fortgesetzt, in ganz andere Entwürfe mündend, übergehend, abbrechend.
Das relevante lyrische Nachlassmaterial ist hinsichtlich der einzelnen Bände und Schaffensepochen ungleich verteilt. Zum ersten Gedichtband (Ausstellung, 1932) gibt es kaum Material. Ähnliches gilt für einige Gedichtbände aus den fünfziger Jahren. Die Überlieferungslage gestaltet sich ab etwa 1960 deutlich ergiebiger und ist vor allem für die Bände Flut und Stein (1962, ca. 1.100 Seiten), Zeichen um Zeichen (1968, knapp 1.000 Seiten), Sage vom Ganzen den Satz (1972, knapp 1.000 Seiten) besonders reich. Dem entspricht der Befund hinsichtlich der unveröffentlichten Einzelgedichte und Gedichtentwürfe mit einer besonderen Materialfülle.

Einen besonders schwierigen Bereich stellt die Lyrik der dreißiger und vierziger Jahre dar, grob gesagt all das, was nach Ausstellung (1932) und vor Unterm schwarzen Schafspelz (1953) entstanden ist. Der Nachlass umfasst dazu mehrere hundert Blätter. Ein Bruchteil dieses Materials ist in die sechs Hefte der Mitteilungen für Freunde eingegangen, die Ernst Meister in den Jahren 1946/47 als Privatdrucke in kleinster Auflage herausgegeben hat.

Eine große Menge von Gedichten, Gedichtentwürfen und lyrischen Splittern ist in den Werkbüchern und Arbeitsheften, in den Briefen und schließlich in vielen Büchern der Meisterschen Bibliothek notiert. Dieses oft besonders schwer zu entziffernde und zuzuordnende Material musste ebenfalls erfasst und gehoben d.h. transkribiert werden, um der Edition des lyrischen Œuvres die vollständige Rekonstruktion der Textentstehungsprozesse zu ermöglichen.
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