Sonderausstellung > Zwischen Literaturbetrieb und Forschung - Regionale Literaturarchive heute > Beitrag
Weitere Beiträge
  • Zwischen Literaturbetrieb und Forschung – Regionale Literaturarchive heute

    Progamm der Tagung aus Anlass des 10jährigen Bestehens des Westfälischen Literaturarchivs
    [21.03.2012]
  • Steffen Stadthaus/Walter Gödden: Regionale Literaturforschung in der Praxis am Beispiel des expressionistischen Schriftstellers Gustav Sack

    [20.03.2012]
  • Stephanie Jordans: Der Nachlass Ernst Meisters und das Konzept der textkritischen und kommentierten Ausgabe seines lyrischen Werkes [1]

    [20.03.2012]
  • Jochen Grywatsch: Die Balance von Strategie und Zufall

    Überlegungen zum Dokumentationsprofil des Westfälischen Literaturarchivs
    [20.03.2012]
  • Eva Maaser (Verband deutscher Schriftsteller NRW): Erwartungen von Autorinnen und Autoren an ein regionales Literaturarchiv

    [20.03.2012]
Backlist
Alle bisherigen Beiträge finden Sie in unserer Backlist.

Zu den Netz-Datenbanken von RLA und WLA

zurück zurück | Seite 2 von 3 | weiterweiter

Walter Gödden: Die LWL-Literaturkommission für Westfalen – zum Profil einer wissenschaftlichen Institution zwischen Grundlagenforschung und populärer Vermittlung


Mit der Übernahme der Droste-Forschungsstelle nach Abschluss der Historisch-kritischen-Ausgabe erweiterte sich das Arbeitsspektrum um einen gewichtigen, eigenen Baustein. Wir expandierten, und das schon im Jahr zwei nach Gründung der LiKo. Die Arbeitsmaterialien der Historisch-kritischen Ausgabe, dutzende Archivkartons, Handschriftenkopien, vor allem aber die einzigartige Droste-Spezialbibliothek mit sämtlichen Veröffentlichungen von und über die Autorin bis heute – all das erforderte nicht nur intensive Betreuungskapazität, sondern auch viele Raummeter. Der LWL bewies mit der »Adoption« der Droste-Forschung Weitblick, der heute mehr denn je zur Geltung kommt – erinnert sei an die Bemühungen, Burg Hülshoff als originäre Dichterstätte der Annette von Droste-Hülshoff zu sichern und kulturell zu profilieren. Sehr zum Wohle einer Autorin, die zu Recht als Ikone und Galionsfigur der westfälischen Dichtung gilt und weltliterarische Bedeutung zugesprochen wird.

Die Literaturkommission konnte bald nach ihrer Gründung noch einen weiteren Coup landen. Die Rede ist von der Gründung des Westfälischen Literaturarchiv hier im Hause. Ein solches Schriftsteller-Archiv war seit Jahrzehnten ein dringliches Desiderat. Die Frage »Wohin mit meinem Nachlass?« konnten hiesige Autorinnen und Autoren schlichtweg nicht beantworten, weil sich keine Institution für ihre literarische Hinterlassenschaft interessierte bzw. räumliche Kapazitäten für eine Unterbringung vorhanden waren. Die Diskussionen über den hochrangigen kulturellen Wert literarischer Überlieferung – und nicht nur die der literarischen upper class –, anderorts mit viel Emotion und Verve geführt, waren an Westfalen weitgehend vorbeigezogen.

Es ist ein unbedingter Glücksfall, dass wir hier im Hause mit dem LWL-Archivamt einen gleichberechtigten Partner für unser Anliegen finden konnten – Dank an Herrn Strauch, Frau Tiemann, Frau Sent, die Sie dafür Sorge tragen, dass auch diese Säule der Literaturkommission Standfestigkeit erlangen konnte. Die Arbeitsteilung Archiv/LiKo hat sich gut bewährt: Das Archivamt sorgt für eine adäquate Unterbringung des Materials und dessen Aufarbeitung und Verzeichnung in Online-Findbüchern, während die Akquise von Nachlässen und inhaltliche Bewertung von der LiKo geleistet wird – neben der Droste-Forschung das Arbeitsfeld des Kollegen Jochen Grywatsch. Gemeint sind inzwischen rund 40 Nach- bzw. Vorlässen mit dem Ernst-Meister-Depositum als kostbarstes Gut.

Damals 2001, vor gut zehn Jahren, ging es wahrlich Schlag auf Schlag. Denn noch ein weiterer Baustein kam hinzu. Die Rede ist vom Museum für Westfälische Literatur auf dem Kulturgut Nottbeck in Oelde-Stromberg. Das Museum wurde von der Literaturkommission initiiert (1993), konzipiert (2000/2001) und wird auch weiterhin von uns »bespielt«, d.h. das literarische Veranstaltungsprogramm, inklusive sämtliche literarischen Ausstellungen, liegt in unserer Hand. Das Museum bietet eine Bühne für viele unserer Aktivitäten und ist zugleich Knotenpunkt eines Netzwerks hinsichtlich von Auto-renkontakten, künstlerischen Projekten, vielem Weiteren mehr.

Im Zusammenhang mit dem Museum möchte ich hier nur auf zwei Bereiche eingehen, die CD-Reihe Live! auf dem Kultgut und die von uns gestalteten Ausstellungen. Bei der CD-Reihe haben wir nicht nur mit Autorinnen und Autoren, sondern auch mit Musikern und Schauspielern zusammengearbeitet. Ein Höhepunkt war dabei die Kollaboration mit Peter Rühmkorf, mit dem wir einen Jazz & Lyrik-Abend veranstalteten, aber auch Abende über Georg Weerth, Reinhard Döhl und August Stramm konnten sich sehen bzw. in diesem Fall hören lassen. Otto Jägersberg las noch einmal – zunächst widerwillig – aus seinem Klassiker Weihrauch und Pumpernickel, Hannelies Taschau erst kürzlich aus ihrem 1978er Roman Landfriede. Eine Hörspiel-Bibliothek dieser Art – inzwischen bei Folge 12 angekommen – gab es bis dato nicht in Westfalen.

Bei den Ausstellungen haben wir uns mehr und mehr von klassischen Vitrinen- und Stellwand-Ausstellungen verabschiedet und – trotz bescheidensten finanzieller Mitteln – versucht, innovative Konzepte zu entwickeln. Die Ausstellung august.stramm.texte beispielsweise kam ohne ein einziges »klassisches« Exponat aus. Die Texte wurden von einem Grafiti-Künstler direkt auf die Wandflächen des Museums gesprüht. Die so evozierte klaustrophobische Atmosphäre kam auf zeitgemäße Weise den Texten Stramms sehr nahe, die von Gewalt und – auch zwischenmenschlichem – Krieg geprägt sind. Es hat uns damals sehr gefreut, dass die Berliner Arbeitsgemeinschaft Literarischer Gesellschaften und Museen Deutschlands unsere Ausstellung aufs Titelblatt ihrer Museumszeitschrift gehievt hat.

Im Falle einer Paul Schallück-Ausstellung haben wir, ausgehend von seinem Text Der Platz, an dem ich schreibe…, sein Arbeitszimmer rekonstruiert; bei einer Gustav-Sack-Ausstellung den gesamten Ausstellungsraum in Packpapier verhüllt, um die Kriegssituation – das von Sack beschriebene Leben in Erdhöhlen – nachvollziehbar zu machen etc. etc. Besonders herausstellen möchte ich eine Droste-Ausstellung, die Jochen Grywatsch mit dem Berliner Aktionskünstler Aribert von Ostrowski realisierte; sie erschließt das Oeuvre der Droste von einem mikroskopischen Punkt aus, dem Motiv des Wasserläufer-Tierchens, das in mehreren Gedichten der Autorin auftaucht. Experiment und Entdeckerfreuden gingen auch hier Hand in Hand. In seiner aktueller Ausstellung Zimmer frei… 10 museale Entwürfe für Annette von Droste-Hülshoff hat Jochen Grywatsch solche innovativen Ansätze konsequent weiterverfolgt.

Bei zahlreichen Ausstellungen haben wir uns an unkonventionelle Themen herangewagt, die in der westfälischen Literaturgeschichte bis dahin nicht stattfanden. Ich möchte hier die Ausstellung Flammende Herzen erwähnen. Sie wandte sich der westfälischen Unterhaltungsliteratur zu, dem Western, dem Arztroman, dem Lore-Heft, Jerry Cotton, Gruselschockern. Und förderte Erstaunliches zutage. Etwa, dass der Verfasser der legendären John-Sinclair-Geisterserie, Helmut Rellergerd, aus Westfalen stammt, Auflage um die 300 Millionen Exemplare, ein netter, zurückgezogen lebender Herr mit Reihenhaus in Bergisch-Gladbach, der täglich 20 Seiten in seine mechanische Schreibmaschine »hackt« (seine »Hackmaschine«, wie er es nennt) und pro Woche einen Heftroman fabriziert. Wir erfuhren im Laufe der Ausstellungs-vorbereitung, dass der Erfinder der Jerry-Cotton-Heftserie aus Westfalen stammt und auch die Auflagenhöhe der Hera-Lind-Romane blieb uns nicht verborgen, nämlich stolze sechs Millionen Exemplare.

Eine andere Ausstellung widmete sich dem Thema Pop. Die Gründungsmit-glieder der noch immer populären Hamburger Schule um Gruppen wie Blumfeld oder Die Sterne stammen aus der tiefsten westfälischen Provinz, aus Bad Salzuflen. Wir haben die Mitglieder der Bands und Solokünstler aufgesucht, mit ihnen Interviews geführt, besonders zum Verhältnis Provinz-Metropole und sie zu gut besuchten Konzerten nach Nottbeck eingeladen. Erst kürzlich wurde uns das Fast Weltweit-Archiv zur Übernahme angeboten und wir haben seitens der Kommission spontan zugesagt, uns im Rahmen von Uni-Seminaren an der Aufarbeitung zu beteiligen.

Im Falle Oliver Uschmanns haben wir dessen Hartmut und ich-Welt, um sich ein ganzer Romankosmos des Autors dreht – mit vielen Internetseiten und dortigen genauen Plänen der Hartmut-und-ich-WG – in Nottbeck nachgebaut, mit der Attrappe einer Fliegerbombe im Keller, einem Rasthof (im Gartenhäuschen), und einem Barfußpfad in der Obstwiese, wie er in Uschmanns Roman Wandelgermanen eine Rolle spielt.

Und auch den westfälischen Kabarettheroen seit den 1930er Jahren haben wir eine Ausstellung gewidmet – sie haben teilweise hinreißende Texte verfasst. Also auch das eine Entdeckung.

Zuletzt zeigten wir in Nottbeck auf einer großen Projektionsleinwand die Ausstellung Ich schreibe, weil… Sie dokumentiert als filmische Revue anhand von 11 Themenstrecken die Ergebnisse von 36 Interviews, die wir mit Autorinnen und Autoren geführt haben. Das Projekt ist im Internet und in Form einer DVD dokumentiert. Es wurde in Kooperation mit dem Fachbereich IMT-Medien der Universität Paderborn mit Nachwuchs-Filme-machern/Studierenden realisiert – ein weiteres Netzwerkprojekt also.

zurück zurück | Seite 2 von 3 | weiterweiter