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Ernst Stadler: Fahrt über die Kölner Rheinbrücke bei Nacht

Vorgestellt von Michael Braun

Fahrt über die Kölner Rheinbrücke bei Nacht

Der Schnellzug tastet sich und stößt die Dunkelheit ent-
lang.
Kein Stern will vor. Die ganze Welt ist nur ein enger, nacht-
umschienter Minengang,
Darein zuweilen Förderstellen blauen Lichtes jähe Hori-
zonte reißen: Feuerkreis
Von Kugellampen, Dächern, Schloten, dampfend, strömend
.. nur sekundenweis
Und wieder alles schwarz. Als führen wir ins Eingeweid der
Nacht zur Schicht.
Nun taumeln Lichter her.. verirrt, trostlos vereinsamt..
mehr .. und sammeln sich.. und werden dicht.
Gerippe grauer Häuserfronten liegen bloß, im Zwielicht
bleichend, tot - etwas muß kommen.. o, ich fühl es
schwer
Im Hirn. Eine Beklemmung singt im Blut. Dann dröhnt der
Boden plötzlich wie ein Meer:
Wir fliegen, aufgehoben, königlich durch nachtentrissne
Luft, hoch übern Strom. O Biegung der Millionen
Lichter, stumme Wacht,
Vor deren blitzender Parade schwer die Wasser abwärts
rollen. Endloses Spalier, zum Gruß gestellt bei Nacht!
Wie Fackeln stürmend! Freudiges! Salut von Schiffen über
blauer See! Bestirntes Fest!
Wimmelnd, mit hellen Augen hingedrängt! Bis wo die Stadt
mit letzten Häusern ihren Gast entläßt.
Und dann die langen Einsamkeiten. Nackte Ufer. Stille.
Nacht. Besinnung. Einkehr. Kommunion. Und Glut
und Drang
Zum Letzten, Segnenden. Zum Zeugungsfest. Zur Wollust.
Zum Gebet. Zum Meer. Zum Untergang.

Ernst Stadler


"Aufbruch" und "Untergang"

Früh ist er im Krieg gefallen, der Dichter Ernst Stadler, der - 1883 im elsässischen Colmar geboren, habilitierter Germanist, Dozent an der Brüsseler Universität und schließlich Reserveoffizier der deutschen Artillerie - im Dezember des ersten Kriegsjahres 1914 bei Ypern von einer englischen Granate getötet wurde, als er Schutz in einem Hauseingang suchte. Mit Georg Heym, Georg Trakl und - im weiteren Sinne - Gottfried Benn gehört er zur Gründungsgeneration des deutschen literarischen Expressionismus, die den vitalistischen "Aufbruch" aus der erstarrten spätbürgerlichen Welt der Jahrhundertwende und ihren "romantischen Velleitäten" verkündete. Es war der letztgenannte Dichter, der die Tragik Stadlers und anderer in der übergroßen Last ihrer Erwartungen erkannte: "verlacht, verhöhnt, politisch als entartet ausgestoßen - eine Generation jäh, blitzend, stürzend, von Unfällen und Kriegen betroffen, auf kurzes Leben angelegt" (Lyrik des expressionistischen Jahrzehnts, 1955).

Das Gedicht "Fahrt über die Kölner Rheinbrücke bei Nacht" entstand ungefähr zeitgleich mit Jakob van Hoddis' berühmter lyrischer Apokalypse "Weltende" (1913) und wurde am 23. April 1913 in der von Franz Pfempfert herausgegebenen Berliner "Aktion" erstabgedruckt, die als linksorientierte demokratische "Wochenschrift für freiheitliche Politik und Literatur" alle vergleichbaren Periodika ihrer Zeit an Geltung übertraf. Aufgenommen wurde das Gedicht ein Jahr später in den Band "Aufbruch", dessen Titel auch Programm ist für Stadlers eigene "Präludien" seines symbolistischen Frühwerks (1904), das ganz im Zeichen der große Vorbilder George und Hofmannsthal stand.

Des Dichters nächtliche Überquerung des Rheins, möglicherweise schon in einem der neuartigen elektrischen Schnellzüge, die 1903 auf einer Teststrecke bei Berlin beachtliche 206 Stundenkilometer erreichten, ist der Sitz im Leben des Gedichts. Und bei besagter Brücke kann es sich, um das historische Verständnis um ein weiteres Detail zu ergänzen, nur um die Hohenzollernbrücke handeln, auf der heute jeden Tag etwa 1600 Eisenbahnzüge den Rhein überqueren. Eingeweiht wurde die Brücke zwischen dem alten Deutzer Kastell und dem Dom im Jahre 1859; ihr Erbauer ist der deutsche Ingenieur Karl Lentze, der im Auftrag Friedrich Wilhelm IV. in der Mitte des vorigen Jahrhunderts das Stahl- und Betonwerk aus Schmiedeeisen und verstärkendem Gitterfachwerk (weswegen sie bei Kölnern bis heute "de Muusfall", die "Mausefalle", heißt) über den Rhein schlug. In den deutschen Eisenbahngedichten von Fontane ("Die Brück am Tay") bis Peter Handke ("Zugauskunft") geht es in der Regel um die Ohnmacht des Menschen gegenüber der Technik und ihrer Verselbständigung. Durchweg neu bei Stadler ist das poetische Unterfangen, eine Sprache zu finden für die unvertraute Wahrnehmung der technischen Welt, eine Sprache, die aus poetischen Konventionen auszubrechen und sich zu einer ekstatischen Welterfahrung zu erheben sucht.

Die rhythmisch bewegten, in unauffälliger Weise paargereimten Langzeilen lassen sich in zwei je sieben Verse umfassende Teile gliedern (insgesamt hat das Gedicht im übrigen so viele Verse wie ein Sonett). Zunächst beschreibt das beobachtende, in einem "wir" versteckte Ich die nächtliche Anfahrt des Schnellzuges stadteinwärts durch die rechtsrheinische Industrielandschaft (V. 1-7). Der Umschlag, angedeutet durch das dumpfe Gefühl einer ebenso unbestimmten wie notwendigen Naherwartung - "etwas muß kommen" (V.7) -, erfolgt exakt in der Mitte des achten Verses, als der Boden, und nicht die Brücke, "wie ein Meer" (V.8) zu dröhnen beginnt. Mit dem Zug verlässt das Ich den festen Boden der Tatsachen und erhebt sich ins Imaginär-Visionäre (V.8-14).

Visualisiert ist die Wahrnehmung der Zugfahrt im Spiel optischer Hell-Dunkel-Effekte. Offensichtlich in Fahrtrichtung sitzend, erfährt das Ich eine Landschaft "Von Kugellampen, Dächern, Schloten" (V.4), eine Reihe blauer Förderschächte, an denen sich der Blick "nur sekundenweis" (V.4) festhalten kann. Die Entdeckung der Schnelligkeit ist eine unheimliche Erfahrung; die Welt wird auf einen "enge[n] nachtumschiente[n] Minengang" (V.2) reduziert, und die Nacht erscheint als lebloser Korpus, als "Eingeweid" (V.5), in das zu fahren eine tödliche Bedrohung ausstrahlt. Selbst die ersten Lichter der Stadt, verzerrt zu Irrlichtern, die wie in der faustischen Walpurgisnacht oder in Goethes "Märchen" den Weg in eine undurchsichtige, dämonische Welt anzeigen, entblößen nicht mehr als "Gerippe grauer Häuserfronten [...], im Zwielicht bleichend, tot" (V.7).

Aus diesem Gefühl beklemmender Leere heraus bringt sich das Ich, dem ersichtlich das Blut zu Kopf geschossen ist, erstmals selbst zum Ausdruck: in der Synästhesie des fühlenden Hirns. Mit der Auffahrt auf die Rheinbrücke erhebt sich die Sprecherinstanz "hoch übern Strom" (V.9) und dringt in eine vollends anders geartete, eine visionäre Erlebnisdimension vor, die zu öffnen sozusagen Aufgabe des Doppelpunktes am Ende des achten Verses ist. Das betagte Motiv der lyrischen Elevatio klingt an und evoziert Ruhe, Abstand; dem Doppelpunkt folgt nicht zufällig der letzte vollständige Aussagesatz des Gedichts.

Die neue schwerelose Luftfahrt hat Zugbewegung und Beobachtungsperspektive aus dem Gleis gebracht. Gerhard Kaiser, dem wir eine der einsichtsvollsten Deutungen dieses Stadler-Gedichts verdanken, ist zuzustimmen, dass die totalisierende Vogelperspektive die horizontale Beobachtungslinie förmlich durchkreuzt. Die Fahrt geht nämlich nicht mehr über den Rhein hinweg, sondern folgt dem Flusslauf bis zum "Meer" (V.8). Die Bilder werden nunmehr akustisch wahrgenommen ('dröhnend') und verdichten sich zu einer "ekstatischen Empor-und Ins-Licht-Metaphorik", die für den mystischen 'Messianismus' des Expressionismus so kennzeichnend ist (Vietta/Kemper). Evoziert wird eine festliche Fahrt flussabwärts, die in Form einer militärischen Prunkzeremonie beschrieben wird ("Wacht", "Parade", "Spalier", "Salut"). Aus der Wirklichkeit geflohen, die Stadt hinter sich lassend, hält das Ich nochmals bei den "langen Einsamkeiten" (V.13) der unbewohnten Ufer inne, um dann in einem großen ekstatischen Aufschwung "Zum Letzten" aufzubrechen, einem Lebensfest, das alle Dinge heiligt. Das Gedicht endet mit einer dionysisch-mystischen Union von Religion und Erotik, die aber mit den gezielten Richtungspräpositionen ("zum") nur angedeutet werden kann und zuletzt wieder den Absturz des Ichs ins Offene und Leere bedeutet: "Zum Meer. Zum Untergang" (V.14).

Es ist naheliegend, die "Aura christlich-mystischer Empfindsamkeit" (Kaiser), die hier in einer assoziativen Nominalkette entfaltet wird, auf ein unorthodoxes Weihnachten zu beziehen ("Stille. Nacht. [...] Zeugungsfest" V.13f.), zu dem sich "Wollust" und "Gebet" ergänzen und immerhin - im Gegensatz zur unbestimmten Welt der Technik ("Kein Stern will vor", V.2) - ein Stern leuchtet ("bestirntes Fest", V.11). Auch die Form wird durch den harten Reihungsstil aufgelöst, wird selbst zur "Wollust", die freilich dem Gesetz der assoziativen Steigerung folgt. Man wird daher nur mit Vorbehalt von einer "allgemeinen Konfusion der Bilder und Begriffe" (Hermand) sprechen können. Das Ich wird, wie in Stadlers Gedicht "Form ist Wollust", von einer nahezu faustischen, aber ungefüllten Entgrenzungsssehnsucht erfaßt: "Form will verschnüren und verengen,/ Doch ich will mein Sein in alle Weiten drängen-".


Das Gedicht stellt eine erkenntnistheoretische Kernfrage des Expressionismus. Wie kann die sprachliche Kunst etwas bannen, das sich bewegt und ständig in neuer Perspektive erscheint? Aus inhaltlicher Sicht findet Ernst Stadler eine für den Frühexpressionismus ungewöhnliche Lösung. Die Erfahrung der technischen Beschleunigung löst ein poetisches "Chockerlebnis" (Benjamin) aus und einen ekstatischen Höhenflug. Formal betrachtet, wendet Stadler ein in der Filmpraxis erprobtes Mittel an: die perspektivische Multiplikation der Sinneseindrücke, die Simultaneität. Bekanntlich widmeten die Schriftsteller dem neuen Medium des Kinofilms besonderes Interesse; Kurt Pinthus gab bereits 1913 ein "Kinobuch" mit Filmentwürfen von Brod, Ehrenstein und Rubiner heraus. "Schnelligkeit, Simultaneität, höchste Anpassung an die Ineinandergehörigkeiten des Geschauten", forderte Theodor Däubler 1916 als Vorbedingung für den Stil. Stadlers Gedicht bringt den Gleichlauf von Mensch und Maschine in dem Gleichklang von Metrum (Jamben mit männlichen Kadenzen) und Schienenstößen zum Ausdruck.


Ernst Stadlers Gedicht steht am Beginn des expressionistischen Jahrzehnts, aber ob der Dichter, wie Kasimir Edschmid anlässlich des fünfzigsten Todesjahres 1964 in Rom sagte, "Wegbereiter zu einer Zukunft [war], die zwar nur in der Illusion besteht, aber eine wunderbare Realität verkündet zwischen den Nationen und den Individuen", mag füglich bezweifelt werden. Erweist sich doch die Kraft von Stadlers Vision darin, dass er das von den Expressionisten voller Pathos beschworene "menschheitliche Ich" (Kaiser) zwar in kosmische Zusammenhänge entrückt, aber nur, um es hinter den menschenleeren Begriffen der Religion und Tradition verschwinden zu lassen.


Michael Braun

Dieser Text wurde erstveröffentlicht in: Walter Wittkämper (Hg.), Kleine Kölsche Anthologie, Bergisch Gladbach 1998 - die Publikation bei uns erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verfassers

Literaturhinweise:

Ernst Stadler: Dichtungen. Gedichte und Übertragungen, mit einer Auswahl der kleineren kritischen Schriften und Briefe. Hrsg. von Karl Ludwig Schneider. Bd. 1 und 2. Hamburg 1954

Kasimir Edschmid: Ernst Stadler. In: Jahrbuch der Deutschen Akademie für
Sprache und Dichtung 1964, S. 174-184.

Jost Hermand: Stadlers stilgeschichtlicher Ort. In: ders.: Der Schein des schönen Lebens. Studien zur Jahrhundertwende. Frankfurt/M. 1972, S. 253-265.

Gerhard Kaiser: Geschichte der deutschen Lyrik von Heine bis zur Gegenwart. Ein Grundriß in Interpretationen. Zweiter Teil. Frankfurt/M. 1991, S. 558-564.

Hans Werner Kettenbach: Romantik der Ingenieure. Kölner Brücken. In Frankfurter Allgemeine Zeitung, 1.4.1995

Silvio Vietta/Hans-Georg Kemper: Expressionismus. 2. Aufl. München 1983.