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Margot Scharpenberg zum 80. Geburtstag am 18.12.2004

Kleine Hommage an die Autorin von Ingrid Hein

Heute hat sie Geburtstag: 80 vollendete Jahre!
Was können wir, Freunde und Verehrer, ihr, die sie uns seit beinahe einem halben Jahrhundert mit Prosa (1968 Georg-Mackensen-Preis für die beste deutsche Kurzgeschichte) und mit mehr als 20 Bänden ihrer Lyrik in ihren von Anfang an prägnanten Versfügungen (Ida-Dehmel-Preis, 1975, Robert L. Kahn-Lyrikpreis, 1988) beschenkt, als wie auch immer bescheidene Gabe anbieten?
Ihr, der um „Gegengaben und Widerworte“ (1995) nie Verlegenen, “Mit Sprach- und Fingerspitzen“ (1970) in einem „Spielraum“ (1972) entgegenzutreten, ist für uns Leser und Gratulanten eine „gefährliche Übung“ (1957).“ Augenzeugnisse“ (1991), Beweise unserer Wertschätzung, entböten wir ihr gern, wie „wenn Farben blühen“(1999), unseren Gruß zu diesem Geburtstag, auf den sie stolz ist und der sie irritiert wie jedes Mal:

„dir zuliebe/ werd ich genau/ um Mitternacht/ein ganzes Jahr älter“
(aus: „Spuren“ 1973, Zum Geburtstag, S. 29)

So leicht, so kindlich-ironisch verfährt sie nicht immer mit der Zeitlichkeit. Zeit aber ist ihr Thema vom Beginn ihres Schreibens: Sprach-Gebung in der Zeit gegen die Zeit.

Am 18. Dezember, kurz vor Weihnachten, 1924, kurz vor Anbruch des „Dritten Reichs“ hat sie Geburtstag, „was wollen Sie denn da machen?“, fragt sie mich: Aufgewachsen in der Kölner Südstadt (Wormser Str.), der Vater kaufmännischer Abteilungsleiter der Schokoladenfabrik Stollwerck, Schulzeit auf dem renommierten Kaiserin-Augusta-Mädchen-Gymnasium, Abitur 1943, dann Verpflichtung zum „Reichsarbeitsdienst“ in Vorpommern in einer Giftgasfabrik, gegen Ende des Krieges stirbt der Vater früh an einer Krebserkrankung, da wird sie gerade einundzwanzig, die Mutter erkrankt, eine jüdische Kusine wird mitversorgt, sie arbeitet seit 1944 in der Kölner Universitätsbibliothek, wird Bibliothekarin für den gehobenen Dienst, in der zerbombten Trümmerstadt Köln, wo man auch sie zu Aufräumungsarbeiten heranzieht, ist sie am Zentralkatolog für Nordrhein-Westfalen tätig und studiert an der Philosophischen Fakultät - noch heute erinnern sich viele an die aparte und zielstrebige junge Frau - 1956 heiratet sie den Arzt und späteren Professor für Pathologie Dr. Klaus Wellmann, mit dem sie 1958, nach kurzer Rückkehr nach Köln ,1960 endgültig nach Amerika, zunächst Ottawa, wo sie am Sprachlabor unterrichtet, 1962 nach New York übersiedelt, seit 1968 ist sie U.S.Staatsbürgerin: Ein Lebenslauf „wie in schlechten Romanen“ (H. Böll)!
Eine betrogene, eine verlorene Jugend, hat man von dieser Generation gesagt - und dabei wie meistens nur an die jungen Männer gedacht. Eine Jugendzeit ohne Müßiggang, ohne Festlichkeiten, ohne Freiraum für Zeitverschwendungs- und Unsterblichkeitsgefühle.
Liest man Scharpenbergs Gedichte – seit 1957 kontinuierlich erscheinend bei Piper, bei LangenMüller, München, bei S. Fischer, Frankfurt, ab 1970 dann meist bei ihrem kleinen „Hausverlag“ Gilles& Franke, Duisburg – findet man Biografisches nur versteckt.

Weit weniger als andere Autoren ihrer Generation, die eigene Erlebnisse, Lebens- und Familiengeschichten auf- und abarbeiten, sucht sie die jeweils verlorenen Zeiten zu bewahren; menschliche Begegnungen, Dinge des Alltags, des Lebensumfelds sind ihr vielmehr Auslöser denn Erzählthemen. Ihr Thema ist die sich verlierende Zeit an sich. Mit Mitteln der lyrischen Sprache, Möglichkeiten der Syntax, Rhetorik, Metaphorik, Vers-Anordnung, Redensarten, Etymologie versucht sie der Zeit habhaft zu werden; die existierende Zeit, derer wir gewiss sind, aber nie sicher, die uns als Zeitwesen sein lässt, die wir aber nie haben, versucht sie, dingfest zu machen.
So hat sie im Dinggedicht, im Bildgedicht - sie nennt es für sich zutreffender „Bildgespräch“ - ihre Ausdrucksform gefunden. Hier zeigt sich, dass ihre Gedichtbände nicht beliebige Lyrismen-Überschriften tragen. „Gefährliche Übung“(1957), „Spiegelschriften“(1962), „Spuren“(1973), „Fundort Köln“(1979), „Verlegte Zeiten“(1988), „Augenzeugnisse“(1991), „Rahmenwechsel“(1992), „Gegengaben und Widerworte“(1995), „Von Partituren, Lesezeichen und so weiter“(2003) und eben ihre „Bildgespräch“ genannten Gedichtsammlungen erschaffen ein Sprachkunstwerk, das selber auch dreidimensional verläuft, aber eben in der Zeit, nicht im Raum, auch wenn es aufgeschrieben wird, also scheinbar räumlich fixiert, und in Bildkunstwerken – seien sie archaischen, mittelalterlichen, modernen auch neuesten Stils oder auch ethnischer, erdgeschichtlicher, biologischer Provenienz - Zeitzeugen befragt. Scharpenbergs Sprache entspricht dem Kunstwerk, sie lässt es sprechen, sie korrespondiert ihm und mit ihm und löst die in ihm aufgehobenen Zeitspuren ebenso wie die in ihm weiterwirkenden Zeitbezüge heraus. Keine paraphrasierende Verdoppelung geschieht hier. Die zeitliche Schwesterkunst Dichtung nimmt das räumliche Kunstgebilde, um für das Paradoxon Zeit ein Sprachbild zu finden. Der Flüchtigkeit und der Ewigkeit der Zeit, ihrer Vergänglichkeit für das Individuum und ihrer Dauer für den Kosmos hat sie Texte entgegengesetzt, fern von Larmoyanz, präzise und konzise, scharf beobachtend und formulierend, manchmal humorvoll, manchmal ironisch das lyrische Ich mit seinen Zeiterwartungen entlarvend, immer gleichsam „mit kalten Händen“ - wie sie selber sagt- gestaltend, die, auch wenn Gedichtbände einmal ohne abgedrucktes Objekt daherkommen, mutatis mutandis Ding-Gedichte modellieren. Ihre entsprechende Vorliebe für das Wortfeld fester Materialien und Formationen aus Natur und Kultur als Zeitenspeicher kommt nicht von Ungefähr; überraschend und auch wieder nicht verdichten sich ihr auch flüssige Phänomene wie Wasser und seine Wortvarianten zu Symbolen der Zeit, vergleichbar der filmischen Art der „Stillstandprojektion“.
Da diese Zeilen als kleine Hommage an die Dichterin gemeint sind, die Karl Krolow schon Ende der 50er Jahre des vorigen Jahrhunderts gleichberechtigt neben ihre Generationsgenossin Ingeborg Bachmann gestellt wissen wollte, mögen am Ende besser als andere ihre eigenen Zeilen für sie sprechen. Zum Schluss stehe statt eines Trinkspruchs auf das Geburtstagskind ihr Wein-Gedicht.

Meer

Ein stürzendes Grabmal aus Gischt
dicht neben seinesgleichen
mit jeder Welle heißt Tod schon Erstehung
doch
vergiß die Zukunft
bis zum Horizont reicht
- in Wasser geschrieben -
auf-
trumpfende Gegenwart



Gezeiten

Zieht der Mond auch das Wasser
— oder den Wein —
in meinem Glas an

mir fehlt das Instrument
auf kleiner Fläche
ganz nah
Gezeiten nachzuweisen

so spiele ich selber Gestirn
Augenteiche wie Glas
laß ich nach Laune und Lust
überfließen

und hörbar nur für mich
- ein Prost auf den Mond
den Abendpartner
der Einsamen -
bring ich die Wellen zum Klingen

(Margot Scharpenberg: Von Partituren, Lesezeichen und so weiter. 60 Gedichte mit 12 Collagen und Umschlagbild von Annegret Heinl, Gilles & Francke Verlag, Duisburg 2003)

Ingrid Hein