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Die Arschlöcher waren draußen

Martin Willems über den Bildband

Es ist schon ein besonderer Schatz, den Ralf Zeigermann über die Zeit gerettet hat: er förderte Fotos aus seiner persönlichen Ratinger-Hof-Zeit ans Licht, damals war er besser bekannt als Reed Richards, Gitarrist der Gruppe Neat. Der in London lebende Grafiker und Illustrator hat sich damit einem geradezu historischen Projekt angenommen, seine Zeitdokumente bildeten den Grundstock zu einem nun vorliegenden (mit Textbeiträgen angereicherten) Bildband über den Ratinger Hof, eine beeindruckende Dokumentation mit besonderer Konzentration auf die Jahre 1977-1985.

Nicht nur Ralf Zeigermann schöpfte aus seinem Fundus, auch zahlreiche, bis heute unvergessene Protagonisten dieser Ära wie Franz Bielmeier, Thomas Schwebel, Richard „ar/gee“ Gleim, Peter Hein, Carmen Knoebel, Moritz Reichelt, Jürgen Engler, Wolf Lauenroth (Dieter Zensur) etc. öffneten ihre Archive und trugen mit Fotos, Postern, Flyern und persönlichen Geschichten und Erinnerungen zu einer gleichermaßen kompakten wie bilderprallen Darstellung einer der wichtigsten Plätze der deutschen Popkultur bei.

Das Ratinger Hof-Buch stellt sich nicht in Konkurrenz zu Jürgen Teipels Verschwende deine Jugend, es versteht sich als notwendige Ergänzung – eine Fokussierung auf Schlaglichter, herausgegriffen aus einer aufregenden und wechselhaften Geschichte.

Carmen Knoebel und Ingrid Kohlhöfer waren es, die das Lokal 1974 übernahmen und eine heruntergekommene Hippiekneipe zu einem kulturellen Nährboden par excellence entwickelten. Zuerst entstand ein Mekka der Kunst, wo Joseph Beuys oder Jörg Immendorff verkehrten, dann ein Zentrum der neuen Musikszene mit Bands wie Fehlfarben, Die Toten Hosen, Die Krupps, um nur einige zu nennen. Ihre musikalischen Wurzeln sehen zahlreiche weitere Bands in der Ratinger Straße, obwohl dort eigentlich alle Pflanzen verreckt seien, wie Fehlfarben-Sänger Peter Hein in seinem Beitrag anmerkt.

Doch es gab nicht nur Highlights wie den legendären Wire-Gig (09.11.1978), der aus Sicht der Band erinnert wird („great expectations on both sides“) und mit einer Nachbildung der Eintrittskarte, in Form eines Bierdeckels, auch haptisch dokumentiert ist. Nein, es gab auch entsetzlich langweilige Momente, wie der Herausgeber in seinem Vorwort einräumt. Gerade diese persönlichen Erlebnisse und Verknüpfungen aber ermöglichen dem Buch, über die reine Mythenbildung hinauszugehen, die gerade im Falle des Ratinger Hofs so reiche Blüten trieb.
Kommen auch einige Fotos etwas grobkörnig daher, so bewegt sich die Präsentation der Hof-Huldigung auf allerhöchstem Dosenbier-Niveau: der Bildband kommt in einer aufwändig gestalteten Blechkiste daher und befindet sich, zwischen Schaumstoff eingebettet, in bester Gesellschaft mit dem erwähnten Wire-Gimmick und einem Fotoabzug des Ratinger Hofs in DIN A4-Format auf festem Karton.

Das Ratinger Hof-Buch, erschienen bei Robert Wiegner, ein Liebhaberstück für alle damals dabei gewesenen und diejenigen, die den Legenden verfallen sind, die sich rund um dieses rheinische Unikum von Kneipe ranken.

Ralf Zeigermann [Hrsg.]: Ratinger Hof. Fotos und Geschichten, Königswinter: Wiegner 2010, 167 S., EUR 44.00