Lesesaal > Rezensionen > Beitrag
Weitere Beiträge
  • Sigrid Nordmar-Bellebaum: Aus den Wolken der Nacht – aus den Tagesbögen

    Rezension von Michael Starcke
    [27.02.2014]
  • Ellen Widmaier: dort wo wir lagen

    Rezension von Michael Starcke
    [27.02.2014]
  • Thomas Kade: Körper Flüchtigkeiten

    Rezension von Michael Starcke
    [02.12.2013]
  • Klaus Märkert: Requiem für Pac-Man

    Rezension von Michael Starcke
    [25.09.2013]
  • Die Arschlöcher waren draußen

    Martin Willems über den Bildband
    [26.11.2010]
  • Das Revier im „Ruhr.Buch“. Alles ein Anfang, jahrzehntelang

    von Jens Dirksen
    [23.03.2010]
  • Norbert Reimann (Hrsg.): Praktische Archivkunde

    Rezensiert von Max Plassmann
    [04.11.2008]
Backlist
Alle bisherigen Beiträge finden Sie in unserer Backlist.

Zu den Netz-Datenbanken von RLA und WLA

zurück zurück | Seite 3 von 4 | weiterweiter

Ruhr 2010 – eine Bücherschau

Das Kulturhauptstadtjahr im Rückblick. Was bleibt unterm Strich für die Literatur? Der Versuch einer Bilanz von Walter Gödden


Stimmenwechsel

Hardcover mit französischer Broschur. Der Lyrik ist’s zu gönnen. Der des Ruhrgebiets erst recht. Denn sie wurde und wird, wie der Herausgeber von „Stimmenwechsel. Poesie längst der Ruhr“, Gerd Herholz, im Vorwort konstatiert, viel zu wenig wahrgenommen. Dabei kann das Ruhrgebiet auf eine reiche Lyriktradition verweisen, die mit Namen wie Ernst Meister, Nicolas Born, Ralf Thenior oder Ralf Rothmann verknüpft ist. Und es fehlt nicht an Newcomern, wie Yvette Vivian Kunkel oder Greta Granderath exemplarisch zeigen.
Auf den vom Literaturbüro Ruhr ausgerufenen Lyrikwettbewerb „Traurige Hurras und freche Verse“ gingen 1400 (!) Einsendungen ein. Aufgenommen wurden davon ganze 22. Das spricht für den hohen Qualitätsmaßstab, den die Juroren anlegten. Eines wollten sie nicht: Ruhrgebietsfolklore, Ruhrpotttümelei oder „Laberlyrik“ (Herholz). Gefragt war hingegen der genaue Blick auf den Alltag und dessen spezielle Mentalität. Die Anthologie fängt unterschiedliche „Bewusstseinsströme, Schreibweisen, Traditionen und Perspektiven“ wie mit dem Brennglas ein: Liebesgedichte zwischen Illusion und Enttäuschung, Augenblicksgedichte, Reisegedichte, komische Gedichte, Sprachartistisches, Hermetisches, politische Gedichte. Aber auch „Gedichte zur (Erinnerung an eine verlorene) Arbeitswelt oder Heimat gehören in diesen Band, sofern sie ... existenzielle Erfahrungen von Menschen bei der Arbeit oder ohne feste Heimat gekonnt formulieren“ (Vorwort). Alles hat seinen Platz – sofern es denn adäquat zur Sprache gebracht wird.
Daneben fanden Lyrik-Autoritäten seit den 1950er Jahren Aufnahme sowie Essays namhafter Autoren, die ihre Lyrik-Favoriten aus der Region vorstellen. Zusammen gekommen sind so 73 Gedichte aus und über die Region sowie elf literarische Annäherungen.
Auch hier: Vielfalt geht vor! Die jüngste Autorin, Anna Linke, ist gerade mal 18, Günter Nehm stolze 84. Aber was zählen bei Lyrik schon Altersgrenzen? Der aufwändig gestaltete Sammelband liegt inzwischen in zweiter Auflage vor. Sage noch einer, das Ruhrgebiet hege kein Faible fürs Lyrische.

Ruhrtext

Das Buch zum Kulturhauptstadtjahr ist für mich Florian Neuners Reportageroman „Ruhrtext“. Der in Berlin lebende Autor nähert sich dem Revier mit unvoreingenommenem Blick. Fern allen Metropolen-Traras fing er am Nullpunkt an und erwanderte Stadtteile und Peripherien, beispielsweise Dortmund-Mengede, Hagen-Haspe, Duisburg-Rheinhausen, Bottrop-Kirchhellen „ohne Ziel und ohne genauen Plan, intuitiv den ‚Verlockungen des Terrains’ (Debord) folgend, Atmosphären nachspürend, die Stadtlandschaft gleichsam psychogeographisch kartographierend. Ich mache mir Notizen. Ich lasse mich treiben. Ich setze mich in Kneipen.“
Das ist keine Suche nach Schönheiten oder neu entstandenen architektonischen oder musealen Highlights. Noch weniger eine Suche nach Harmonie und Betulichem. Der „grünen Stadt fehlt es an Stimmungen“ schreibt Neuner, und einige Einfamilienhäuser, die ihm auffallen, erscheinen ihm „hässlich wie in Münster“.
Stattdessen geht der Autor dorthin, wo es wehtut. Sein Blick fokussiert Hinterhöfe, den Döner-Imbiss von nebenan, Industriebrachen, verlassene und vergessene Orte, er schaut Allerweltsmenschen in die Augen. Nicht das Verbindende interessiert den Autor, sondern die Brüche. Deutschlands „größte Stadt“ ist für ihn ein Flickenteppich, ein Patchwork aus vielen. Aber gerade das mache ihre Intensität, hohe Emotionalität und Stärke aus.
Neuners „Revierlektüre“ unterscheidet sich grundlegend vom Hochglanzprospekt. Sie ist ein Loblied anderer Natur. Was einem fremden Reisenden auf der Bahnfahrt wie ein „sinnverwirrendes Chaos erscheinen mag, ist ja in Wahrheit ein echter Organismus von einmaliger Großartigkeit.“ Und: „Als größte künstliche Landschaft Europas hat das Ruhrrevier die Chance zum größten Kunstwerk der Welt zu werden.“
Florian Neuner ist eine neue Stimme in der Literatur Westfalens. Und sie präsentiert sich zeitgemäß multimedial. Hier sei nachdrücklich auf die Internet-Plattform „2010Lab.tv“ verwiesen, deren Innovationspotenzial nicht lobend genug herausgestellt werden kann. Für „2010Lab.tv“ ist Neuner auch als Reporter unterwegs. Auf „Lab.tv“ spielt die Literatur erfreulicherweise eine große Rolle. Es finden sich annähernd 200 Blogs, Podcasts und Videos zum Thema. Also auch hier: Es fehlt nicht an frischen Impulsen, denen über 2010 hinaus Nachhaltigkeit zu gönnen ist.
Das literarische Ruhrgebiet anno 2010 ist ein anderes als noch vor zwei, drei Jahrzehnten. Die Literatur vor Ort präsentiert sich vielfältig und spannender denn je. Der Lektürekanon ist entstaubt und bietet mannigfachen Raum für Entdeckungen. Der Blick ist offener geworden, auch neugieriger und medial vernetzter. Er reicht über den Tellerrand hinaus, wie andersherum auch die „große Literatur“ zunehmend Notiz nimmt von dieser einzigartigen Region im Umbruch. Das Fazit fällt also positiv aus: Ruhr 2010 hat in literarischer Hinsicht seine Chance genutzt.

zurück zurück | Seite 3 von 4 | weiterweiter