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Martin Willems: Dokumentationsprofil kultureller Überlieferungen. Tagungsbericht

In den letzten Jahrzehnten haben kulturelle Überlieferungen einen immensen Bedeutungswandel erlebt. Der Kultur kommt im Alltagsleben eine ĂŒberaus wichtige Rolle zu, sie ist gewissermaßen omniprĂ€sent. Auf verschiedensten Vermittlungsstufen – von der Kneipenlesung bis zum Mega-Event – entstehen kulturelle BestĂ€nde, die, sofern es die KapazitĂ€ten zulassen und sich die Archive verantwortlich fĂŒhlen, in Kulturarchive ĂŒbernommen werden. Aus dem fulminanten Anwachsen kultureller Überlieferungsformen ergibt sich fĂŒr die Archive zwangslĂ€ufig ein Selektionsproblem: Was sind bewahrungswĂŒrdige Überlieferungen? Woran erkennen Archivare heute, welche BestĂ€nde gesichert werden mĂŒssen, welche nicht?


Die „Arbeitshilfe zur Erstellung eines Dokumentationsprofils fĂŒr Kommunalarchive“ wurde 2008 von der Bundeskonferenz verabschiedet und stellt eine wichtige Handreichung fĂŒr die kommunalen Archive dar. FĂŒr Kultur- bzw. Literaturarchive fehlt eine solche Arbeitshilfe bisher. Die Tagung „Dokumentationsprofil kultureller Überlieferungen“, ausgerichtet vom Rheinischen Literaturarchiv im Heinrich-Heine-Institut in Verbindung mit dem WestfĂ€lischen Literaturarchiv MĂŒnster, formulierte erste Schritte hin zu einer Definition eines eigenen Dokumentationsprofils fĂŒr Kulturarchive.

Katharina Tiemann (WestfĂ€lisches Literaturarchiv, MĂŒnster) erinnerte in ihrer Einleitung zur ersten Sektion „Archivische Bewertung und Dokumentationsprofile“ daran, dass der Terminus „Dokumentationsprofil“ lange Zeit nicht salonfĂ€hig war. Der Begriff stammt aus der ostdeutschen Archivistik, in Westdeutschland wurde er nicht verwendet. Hier nĂ€herte sich erstmals Hans Booms der Thematik an. Seine AusfĂŒhrungen, die 1972 unter dem Titel „Gesellschaftsordnung und Überlieferungsbildung.

 Zur Problematik archivarischer Quellenbewertung“ veröffentlicht wurden, sahen sich innerhalb der deutschen Archivwissenschaft starker Kritik ausgesetzt. Ein Desiderat der Tagung, so Tiemann, solle darin bestehen, „diesen Begriff mit Leben zu fĂŒllen“.

Peter Weber (Mitglied der BKK-Arbeitsgruppe „Überlieferungsbildung“) und Jan Richarz (LVR-Archivberatungs- und Fortbildungszentrum, Brauweiler) nĂ€herten sich dem Begriff in ihrem einleitenden Vortrag aus der kommunalen Perspektive. Der genuine Überlieferungsauftrag bestehe darin, „die lokale Lebenswelt abzubilden“. Dokumentationsprofile trĂŒgen dazu bei, eine „scharfe“ Auswahl aus dem potenziellen Archivgut vornehmen zu können.

Mangelnder Transparenz geschuldet kĂ€me es teilweise zu Übernahmequoten von bis zu 40 Prozent. Weber versteht die Überlieferungsbildung als „Königsdisziplin der Archivistik“, daher wĂŒrden zwingend Überlieferungsstrategien mit Modellcharakter benötigt.

Aktuell werden Profile zu den Bereichen Schule, Landwirtschaft und Pfarrgemeinden erarbeitet. Ein bereits ausgearbeitetes Profil zur Architektur wurde von Jan Richarz vorgestellt. Da die BauamtsĂŒberlieferung in Kommunalarchiven oftmals unzureichend ist, wandte sich Richarz darĂŒber hinaus ArchitektennachlĂ€ssen zu, um die Überlieferung auf eine breite Basis zu stellen.

Gisela Fleckenstein (Historisches Archiv der Stadt Köln) stellte im zweiten Sektionsbeitrag („Ein Nachlass fĂŒr das Historische Archiv der Stadt Köln? Übernahmekriterien und Bewertung auf der Grundlage eines Dokumentationsprofils“) die Übernahmekriterien des Historischen Archivs der Stadt Köln vor. Das Historische Archiv der Stadt Köln verwahrt insgesamt 850 Vor- und NachlĂ€sse. Ein Sammlungsauftrag des HASTK besteht darin, das private Schriftgut von Kölner Persönlichkeiten (aktiv) einzuwerben.

Das gesellschaftliche Leben der Stadt Köln soll auf diesem Wege abgebildet werden. Im Mittelpunkt stehen dabei Personen, und nicht, wie bei Kommunalarchiven, die abgebenden Institutionen. Sammlungsschwerpunkte des Archivs sind die Bereiche Politik, Literatur und Journalismus. Zudem werden NachlĂ€sse und Sammlungen von Komponisten und Architekten ĂŒbernommen.

Um festzustellen, ob ein Nachlass fĂŒr das Archiv von Interesse ist und in die Sammlungscharakteristik passt, hat das Historische Archiv der Stadt Köln einen sog. „Einkaufszettel fĂŒr NachlĂ€sse“ entwickelt. Anhand einer Bewertungsmatrix sowie einem fachspezifischen Fragenkatalog kann mit hoher Wahrscheinlichkeit ein zielfĂŒhrender Abgleich mit dem entsprechenden Dokumentationsprofil vorgenommen werden. So werden etwa Punkte vergeben, wenn die nachlassbildende Person in Köln geboren wurde oder in der Stadt einen wichtigen Lebensabschnitt verbrachte. Diese Nachlassmatrix befindet sich seit einem Jahr in der Erprobungsphase. Das Bewertungssystem kann individualisiert werden und ist somit auch fĂŒr die aktive Erwerbung und Übernahme geeignet.

Enno Stahl (Heinrich-Heine-Institut DĂŒsseldorf) verstand seinen Beitrag („Übernahme literarischer BestĂ€nde. Prolegomena zu einer Systematisierung“) als eine VorĂŒberlegung zu einer Vereinheitlichung der NachlassĂŒbernahme. Er stellt heraus, dass der Bekanntheitsgrad einer Person nicht gleichbedeutend ist mit der QualitĂ€t und Überlieferungsdichte eines Nachlass. Vielmehr mĂŒsse man sich in Zukunft verstĂ€rkt um die BestĂ€nde von FunktionĂ€ren und Multiplikatoren des Literaturbetriebs (BuchhĂ€ndler, Feuilletonredakteure usw.) kĂŒmmern. Zudem sieht Stahl eine in Zukunft stĂ€rker zu verfolgende Aufgabe von Literaturarchiven in der Abbildung und Dokumentation von literarischen Netzwerken. In Teilen analog zur Bewertungsmatrix Fleckensteins skizzierte Stahl eine Überlegung zur Erstellung eines Übernahmekatasters, bei der er sich auf die Entscheidungshilfe der BKK bezog. Wie die Kommunalarchive setzte Stahl systematische Kategorien an, auf deren Basis das literarische Leben möglichst gut zu erfassen sei. Er unterteilte diese in die Kategorien Produktion, Rezeption und Vermittlung. Wie Becker entwarf er anhand dessen ein exemplarisches Dokumentationsprofil fĂŒr den Themenschwerpunkt „Archivarische Dokumentation aktueller literarischer Veranstaltungen im Gebiet der Rheinschiene“. Zu Beginn der 2. Sektion („Literaturarchive und ihre Übernahmepraxis“) widmete sich Ulrich von BĂŒlow (Deutsches Literaturarchiv, Marbach) dem Marbacher Sammlungsprofil und der dort angewandten Erwerbungspraxis.

Er bezog die Entwicklungsstadien des Literaturarchivs mit ein; von der GrĂŒndung des DLA in der heutigen Form, im Jahre 1955, bis hin zur kĂŒrzlichen Übernahme der umfangreichen Verlagsarchive von Insel und Suhrkamp. Das Sammlungsprofil des Deutschen Literaturarchivs ist auf die deutschsprachige Literatur und Philosophie von 1750 bis heute ausgelegt, wobei ca. 70% der BestĂ€nde der Gattung Belletristik zuzuordnen sind. Im Rahmen des Erschließungsprozesses gliedert Marbach die Nachlassbestandteile in die Rubriken „Handschriften“ und „Bilder und Objekte“.

Die verschieden Nachlassbestandteile werden im Anschluss an die Erschließung virtuell wieder zusammengefĂŒhrt. Die Sammelgebiete des DLA gliedern sich in vier Bereiche: Dokumente zur deutschsprachigen Literatur und auf dessen literarischen Leben, Dokumente zur Wissenschaftsgeschichte und Germanistik, sowie Dokumente zur Philosophie des 20. Jahrhunderts und Verlagsarchive. Der endgĂŒltigen BestandsĂŒbernahme sind mehrere Bewertungsphasen vorgeschaltet, sowohl vor als auch nach der Autopsie.

Ulrich von BĂŒlow betont, dass eine Übernahme ohne vorherige Autopsie den Marbacher Sammlungsrichtlinien entgegen steht. Unter anderem wird die QualitĂ€t der Verbreitungsmedien untersucht, die PrĂ€senz der nachlassbildenden Person in der Öffentlichkeit herausgestellt; zudem wird der Marktwert der Autographen beziffert. DarĂŒber hinaus werden inhaltliche Bewertungskriterien angewandt. Eine wichtige Rolle spielen dabei der Erschließungs- und Ordnungszustand der Nachlassmaterialien. Des Weiteren ist der Erhaltungszustand von besonderer Bedeutung. GrundsĂ€tzlich lĂ€sst sich Marbach das Recht zusichern, Bestandteile des Nachlass nach der Übernahme auszusortieren. Ulrich von BĂŒlow deutet an, dass er sich weiterfĂŒhrende Einblicke in die Arbeitsweise anderer Literaturarchive wĂŒnschen wĂŒrde, der regelmĂ€ĂŸige Austausch zwischen den Archiven mĂŒsse forciert werden.

Volker Kaukoreit (Österreichisches Literaturarchiv) brachte anschließend („Erwerbungsstrategien, Erwerbungsprobleme. Beispiele aus dem Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek“) einige Praxisbeispiele. Das Literaturarchiv wurde 1989 vor dem Hintergrund, dass in den Jahren zuvor bedeutende NachlĂ€sse von österreichischen Autoren ins Ausland gelangten, gegrĂŒndet. Die Kulturpolitik war gefordert und definierte den Sammlungsauftrag des Archivs, der darin besteht, die private Registratur von österreichischen Autoren des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart zu sammeln. Insbesondere Autoren, die fĂŒr die literarische Neubestimmung Österreichs nach 1945 eine Rolle spielten, fallen in das Sammlungsprofil des ÖLA. Ein weiterer Sammlungsschwerpunkt sind NachlĂ€sse von Filmemachern und Politikern, aber auch Verlags- und Verbandsarchive werden ĂŒbernommen. SammlungsbestĂ€nde zum feministischen Diskurs, zur Frauen-, Exeperimental- und Exilliteratur runden den Sammlungsauftrag ab.
Die Sammelrichtlinien des Archivs orientieren sich an dem österreichischen Bundesmuseengesetz. Aktuell umfasst der Gesamtbestand 140 NachlĂ€sse, darunter befindet sich z. B. ein Teil des Vorlass von Peter Handke. DarĂŒber hinaus verwahrt das ÖLA weitere 100 SammlungsbestĂ€nde. Die Erwerbungsentscheidungen des ÖLA finden auf hierarchischer Ebene statt. Es werden Autopsien des potenziellen Archivguts durchgefĂŒhrt, Deposita werden nur in Verbindung mit langen Laufzeiten (mindestens 25 Jahre) ĂŒbernommen.

Es folgte Sabine Brenner-Wilczek (Heinrich-Heine-Institut DĂŒsseldorf), die in ihrem die Sektion beschließenden Referat die Erwerbungspolitik und Bestandsbildung in den Archiven des Instituts vorstellte. Sie stellte explizit die Wichtigkeit nichtstaatlicher Überlieferungen heraus und gab den Impuls, nicht lĂ€nger in diesem Zusammenhang von einer ErsatzĂŒberlieferung zu sprechen. Brenner-Wilczek sieht einen Trend, hin zur regionalen Perspektive, wobei sich „Höhenkammliteratur“ und eine regionale Spezialisierung nicht ausschließen mĂŒssen. Das Heinrich-Heine-Institut verfolgt im Bereich der Überlieferungsbildung ein Dokumentationsprofil der „mittleren Ebene“ (siehe Vortrag von Enno Stahl). Das Ziel ist, das literarische Leben einer Region abzubilden. Dazu zĂ€hlt Brenner-Wilczek auch Autorengruppen, literarische Vereinigungen sowie Archive von kleinen Verlagen und Zeitschriften. Sie befĂŒrwortet eine regionale Zentrierung des Sammlungsprofils, verbunden mit einer katasterhaften Aufzeichnung von relevanten BestĂ€nden. Zum Abschluss ihres Vortrags plĂ€diert Brenner-Wilczek fĂŒr eine Wiederbelebung des Projekts „Wohin mit dem ganzen Papier?“, unter dem Gesichtspunkt der Dokumentationsprofile. Zudem sei es von besonderer Wichtigkeit, die Abstimmung zwischen den Archiven zu verbessern und kleinere Archive, dazu zĂ€hlt sie auch die Stadtarchive, hinsichtlich der Übernahme von kulturellen BestĂ€nden zu sensibilisieren.

Die dritte Sektion („Andere Kulturarchive und ihre Übernahmepraxis“) wurde von Sabine Wolf (Akademie der KĂŒnste Berlin, Literaturarchiv) eingeleitet. In ihrem Vortrag „Was bleibt? Die multidisziplinĂ€ren Archive der Akademie der KĂŒnste im Spannungsfeld Maßstab – Bewertung – Auswahl“ widmete sie sich zuerst der Definition der Sammlungscharakteristik der ADK, deren Archiv einen „rĂŒckwĂ€rtsgewandten Sammlungsaspekt“ verfolgt. Besondere Schwerpunkte bestehen in der Abbildung der Akademiegeschichte, dem Berliner KĂŒnstlerleben seit 1900, der Emigration und dem Wirken wegweisender deutschsprachiger KĂŒnstler. Durch Vertreter der Exilliteratur bietet das Archiv internationale VerknĂŒpfungen. Wolf betont, dass eine Mitgliedschaft in der Akademie der KĂŒnste nicht erforderlich ist, um den Nachlass eines KĂŒnstlers in das Archiv aufzunehmen. Als bedeutendstes Nicht-Mitglied nennt sie Walter Kempowski, dessen Nachlass zu dem meistgenutzten BestĂ€nden zĂ€hlt. In ihren AusfĂŒhrungen zum Themenkomplex der NichtĂŒbernahme/Kassation von NachlassbestĂ€nden setzt sie die ArchivwĂŒrdigkeit von Nachlassbestandteilen in Verbindung mit der Gewichtung eines Autors: Wo Steuerunterlagen und KontoauszĂŒge eines regional bekannten Autors kassiert wĂŒrden, so wurden sie bei Kempowski ĂŒbernommen. Ihrer Auffassung nach erfĂ€hrt Archivmaterial oftmals erst nach einem zeitlichen Abstand eine WertschĂ€tzung durch die Öffentlichkeit. Wie Wolf in ihrem Vortrag anschaulich verdeutlichte: „WertmaßstĂ€be Ă€ndern sich“.

GĂŒnter Herzog (Zentralarchiv des internationalen Kunsthandels, Köln) stellte anschließend „Erste Erfahrungen aus einer jĂŒngst entstandenen Archivgattung“, dem Galeriearchiv, vor. Das ZADIK wurde 1992 als Verein gegrĂŒndet und ist damit befasst, die Geschichte des Kunsthandels zu dokumentieren. Mittlerweile umfasst der Archivbestand ĂŒber 90 NachlĂ€sse von Galeristen, Kunstkritikern, Kunstsammlern und KunstverbĂ€nden. Das Archiv macht Bereiche zugĂ€nglich, die dem interessierten Kunstpublikum sonst verborgen blieben. Das ZADIK ist ein weltweit einmaliges Spezialarchiv. Die Satzung des ZADIK erlaubt keine AnkĂ€ufe von NachlĂ€ssen. Das Archiv ist daher auf Schenkungen und Dauerleihgaben angewiesen. Herzog weist darauf hin, dass eine Autopsie der ArchivbestĂ€nde durch das ZADIK oftmals nur unzureichend stattfinden kann, da das Archiv fĂŒr eine Galerie eine wichtige Arbeitsgrundlage darstellt. BestĂ€nde können also im Normalfall nur nach der Schließung einer Galerie ĂŒbernommen werden. Das vorlĂ€ufige Dokumentationsprofil des ZADIK soll die „individuelle kunsthistorische und kunstwirtschaftshistorische Lebensleistung des Bestandsbildners und seinen individuellen Beitrag zur Geschichte der Entwicklung des Kunstsystems dokumentieren“. Seine AusfĂŒhrungen zum Dokumentationsprofil des ZADIK beschließt Herzog mit einer Übersicht der inneren Ordnung der BestĂ€nde, die einen Einblick in die Bestandsinhalte eines Galeristennachlasses ermöglichen.

Huub Sanders (Institut fĂŒr Sozialgeschichte, Amsterdam) stellte in seinem Vortrag („Das internationale Institut fĂŒr Sozialgeschichte, Amsterdam. KontinuitĂ€t und neue Ansichten im Sammlungsprofil“) die Arbeit eines global operierenden Archivs vor. Das ISD hat den Auftrag, der Forschung Quellen der Sozialgeschichte zugĂ€nglich zu machen. 1935 gegrĂŒndet, verwahrt das Institut vor allem Sammlungen zur Arbeiterbewegung, darunter auch Papiere von Marx, Engels und Bakunin. Weitere Sammlungsschwerpunkte sind Themenfelder wie die „linke Opposition gegen Hitler“, „Soziale Bewegung“ sowie der „Sozialismus des 19. Jahrhundert“. WĂ€hrend des zweiten Weltkriegs gingen zahlreiche Überlieferungen in diesem Bereich verloren. So befindet sich das Institut in einem „langatmigen Wiederaufbau“. Das Institut fĂŒr Sozialgeschichte befindet sich aktuell in einer Anpassungsphase, hinsichtlich des Dokumentationsprofils. Nicht zuletzt durch die Vielzahl von relevanten BestĂ€nden gibt Sanders zu bedenken, „dass ein Dokumentationsprofil eine Auswahl voraussetzt, die in der Praxis nicht immer möglich ist“.

Im abschließenden Vortrag („Jenseits aller Genres – Die Übernahmepraxis des Deutschen Komponistenarchivs“) fĂŒhrte Julia Landsberg (Deutsches Komponistenarchiv, Dresden) in die 2008 begonnene Arbeit des Archivs sein. Das Deutsche Komponistenarchiv gehört zum EuropĂ€ischen Zentrum der KĂŒnste Hellerau und wird ausschließlich durch Spendengelder finanziert. DarĂŒber hinaus bestehen Kooperationen mit dem Stadtarchiv Dresden und dem SĂ€chsischen Landesarchiv. Die Zielsetzung des Archivs ist das „Bewahren von Zeugnissen des Schaffens zeitgenössischer deutscher Komponisten“. Bislang konnten ca. 20 BestĂ€nde eingeworben werden. Landsberg dokumentierte die Arbeitsweise des Archivs anhand einer Erwerbungs- /Übernahmeentscheidung. Der nachlassbildende Komponist muss einige Kriterien erfĂŒllen, um seinen Bestand an das Archiv ĂŒbergeben zu können. So ist u. a. eine Mitgliedschaft in der GEMA vorgeschrieben. Zudem muss der Nachlasser seine Materialien in einem geordneten Zustand ĂŒbergeben. Eine Anforderung, die in der Archivpraxis eher unĂŒblich ist.

Die Abschlussdiskussion verdeutlichte, dass bezgl. der Herausbildung von Dokumentationsprofilen vor allem die Detailkenntnis der Archivare benötigt wird. Die Schwierigkeit wird darin gesehen, dass formale Kriterien nicht auf jedes Nachlassobjekt angewandt werden können. Übereinstimmend wird die GrĂŒndung einer „AG Dokumentationsprofile“ befĂŒrwortet, möglicherweise könne diese innerhalb der KOOP-LITERA , dem Kompetenznetzwerk fĂŒr NachlĂ€sse, eingebettet werden. Eine besondere BerĂŒcksichtigung der Kulturarchive durch den VdA wurde als dringend erforderlich angesehen, die aktuelle Zuordnung zur Fachgruppe 8 als nicht befriedigend eingeschĂ€tzt.