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Stephanie Jordans: Der Nachlass Ernst Meisters und das Konzept der textkritischen und kommentierten Ausgabe seines lyrischen Werkes [1]

Die Bandbearbeiter des Editionsteams profitierten bereits während ihrer Arbeit von der Einrichtung dieser Homepage, die die Editionsarbeit an verschiedenen Standorten  (Deutschland, Frankreich, Niederlande) möglich gemacht hat.  Die Bandbearbeiterinnen und Bandbearbeiter konnten auf diese Weise von jedem Standort aus auf die Materialien, insbesondere auf die Digitalisate der Typoskripte und Handschriften, zugreifen.

Die Realisation des Konzepts erforderte die Etablierung einer Gruppe von Forschern. In den Jahren 2001/02 wurde ein internationales Team gebildet, dessen Mitglieder aus Deutschland, Frankreich und den Niederlanden mit der Bearbeitung der Bände betraut wurden. Regelmäßige Treffen, zweimal jährlich, in Aachen, Metz, Utrecht und Den Haag ermöglichten nicht nur den notwendigen Gedankenaustausch, sondern auch eine intensive Arbeit an bestimmten Problemen. Die regelmäßigen Arbeitstreffen, jeweils finanziert von den gastgebenden Institutionen, galten der Entzifferung besonders schwieriger Handschriften, der Diskussion der editionsphilologischen Prinzipien, der Textgenese und ihrer Darstellung und insbesondere auch Fragen der Kommentierung.

Die von den insgesamt 17 Bandbearbeitern vorgelegten Apparate und Kommentare wurden schließlich von einem siebenköpfigen Redaktionsteam redigiert und formal angeglichen, ein Prozess, der insgesamt noch einmal eineinhalb Jahre dauerte. Regelmäßige Arbeitstreffen dienten dem intensiven Austausch des Redaktionsteams. Das Team tagte unter anderem im Kloster Steinfeld bei Kall in der Eifel. Abgeschirmt von der Außenwelt ließ sich dort konzentriert arbeiten; die Klausur wurde in Aachen fortgesetzt.
In Abstimmung mit Reinhard Meister, dem Inhaber der Urheberrechte, und dem Verleger Thedel von Wallmoden des Wallstein Verlags in Göttingen, wurde für die Ernst Meister-Ausgabe ein Konzept erarbeitet.

Die Ausgabe entspricht im Grundsatz dem Typus einer Studienausgabe, d. h. sie enthält einen kritisch revidierten Text auf der Basis der Erstdrucke, einen textgenetisch fundierten Apparat, Bandeinführungen, Kommentare zu den einzelnen Gedichten sowie einen elektronischen Teil mit den vollständigen Zeugenverzeichnissen sämtlicher Gedichte, den Digitalisaten des lyrischen Nachlasses sowie der Werk- und Arbeitsbücher, das Bibliotheksverzeichnis und ein Benutzerhandbuch.

Im textgenetischen Apparat werden allerdings nur ausgewählte Zustände der Textgenese gezeigt, d.h. es werden nur die signifikanten, spannenden Textprozesse dargestellt; ‚Schlaglichter der Textgenese’ haben wir das einmal genannt. Das editorische Prinzip ‚Auswahl auf der Basis vollständiger Materialkenntnis der Editoren’ erschien uns im Falle Ernst Meister ein notwendiges Prinzip zu sein, was vor allem im gigantischen Umfang des überlieferten genetischen Materials begründet liegt. Meister hat zu einigen seiner Lyrik-Bände so viele Stadien oder Textzustände hinterlassen, dass z.B. eine vollständige historisch-kritische Edition nur des einen Bandes Sage vom Ganzen den Satz – ohne Kommentar – mindestens einen Umfang von mehr als 600 Seiten ergäbe. Andreas Lohr hat diesen Fall im Rahmen seiner Dissertation durchgespielt und gezeigt, dass etwa das Modell der historisch-kritischen Bonner Paul Celan-Ausgabe für den Fall Meister kein geeignetes Modell wäre.[10] Signifikante Textprozesse würden in der Masse des Materials untergehen, deswegen schien es uns ratsam, lediglich Signifikantes sichtbar zu machen. Allein der lyrische Nachlass Meisters umfasst ca. 17.500 Blatt, hinzuzurechnen sind außerdem noch die Gedichtzeugen, die in den Werk- und Arbeitsbüchern, in Briefen, in der Bibliothek des Autors und in Privatarchiven anderer enthalten sind. Weitere Textzeugen in Privatbesitz, etwa von Walter Israel und Irena Demtröder, sowie in anderen Archiven, etwa im Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg oder im Deutschen Literaturarchiv in Marbach am Neckar, waren selbstverständlich ebenfalls zu erfassen, zu autopsieren und einzuarbeiten. Die Bestände aus Privatbesitz durften wir ebenfalls scannen und als Digitalisate der Ausgabe beifügen. Der an Textprozessen interessierte Benutzer wird auf den elektronischen Teil der Edition verwiesen. Der elektronische Teil der Meister-Ausgabe, der sich auf der Projekt-Homepage herunterladen lässt, bietet eine lückenlose Dokumentation der Textentstehung in Form vollständiger digitaler Zeugenverzeichnisse sämtlicher Gedichte. Verfügbar sind außerdem sämtliche im Nachlass befindlichen Zeugen als Faksimiles in hoher Auflösung. Knapp 20.000 Faksimiles plus 41 digitalisierte Werk- und Arbeitsbücher als Hochauflösungsscans sind der Ausgabe mitgegeben. Dieser digitale Teil der Ausgabe bietet die gescannten Textzeugen der Gedichte, d.h. Handschriften, Typoskripte und Durchschläge in Kombination und Verlinkung mit den Zeugenverzeichnissen. Dadurch wird die Ausgabe den Ansprüchen einer historisch-kritischen Edition angenähert und stellt ein Editionsmodell dar, das die Vorzüge einer handlichen Studienausgabe mit dem wissenschaftlichen Anspruch einer textgenetischen Edition sowie die klassische Buchpublikation mit einer elektronischen Präsentation des Nachlass-Materials und den Zeugeverzeichnissen zu verbinden sucht.

Der Edition sind auch deswegen sämtliche Gedichtzeugen als Digitalisate in hoher Auflösung auf der Homepage beigegeben, damit die einzelnen Auswahlprozesse der Editioren vom Benutzer nachvollzogen werden können.
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